Montag, 20. Oktober 2014

Denn die Hoffnung stirbt zuletzt!

Warum mache ich mir diese viele  Arbeit mit dem großen Garten? Warum habe ich so einen großen Gemüsegarten, der die meiste Arbeit macht?

Es ist ein angeborener innerer Drang, zu Gärtnern. Seit ich denken kann will ich nichts anderes als zu Garteln. Blumen und Gemüse will ich anbauen. Die Arbeit an sich bereits ist mir wichtig, gibt mir so viel.

Gleichwohl ist doch aber nicht immer alleine der Weg das Ziel. Klar habe ich auch Ziele mit meinem Garten. Eher unbewusst. Und ich lehnte mich eben einmal zurück und überlegte wirklich: was verfolgst du für Ziele mit deinem Garten?

Ich bin wieder bei den Blumen und dem Gemüse. Ich will, dass es immer und überall blüht. Ländlich, romantisch, verwunschen, vergessen. Das könnte meinen Stil beschreiben. Und ich will dann mittendrin sitzen oder liegen und die Atmosphäre in mich aufsaugen.

Und weil ich nicht nur von Träumen und Atmosphären leben kann, sondern auch so gerne koche und esse, brauche ich viel verschiedenes leckeres Gemüse und Obst.

Das sind die beiden wichtigsten Ziele. Gleichzeit sollte alles möglichst effektiv sein. Also keine unnötige Arbeit machen. Ich kann kaum etwas weniger leiden als unnötige Arbeit, die man sich auch noch selbst zuzuschreiben hat.


Ja es ist wichtig, sich diese Ziele bewusst zu machen. Unbewusst mögen sie mein Handeln von Anfang an geleitet haben. Jetzt wo sei mir bewusst sind kann ich sehen, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Und was eignet sich dazu besser als das sich verabschiedende Gartenjahr.  Wo  bin ich meinen Zielen näher gekommen, wo am  Holzweg?

Es sind noch immer zu wenig Blüten im Gartenjahr verteilt.

Das Gemüse ist ein harter Kampf gegen Krankheiten, Schädlinge und das Klima. Der Boden ist in einem sehr schlechten Zustand.

Ich habe wegen der Berufstätigkeit nur an bestimmten Tagen überhaupt die Möglichkeit im Garten etwas zu machen. Und an diesen Tagen hindern  mich oft genug andere Termine, von denen ich ja manche eigentlich sogar sehr gerne habe oder haben sollte, an den nötigen Tätigkeiten.

Oder das Wetter und Klima hindern mich an den nötigen Arbeiten.

Ich habe erst seit drei Jahren diesen wirklich großen Garten mit allem was dazu gehört in selbständiger Fürsorge und Verantwortung. Es fehlen viele Erfahrungen, Fragen stellen sich und keine Literatur oder das Internet können hier adäquate Antworten geben.

Es sind wahnsinnig viele Arbeiten, Arbeitschritte und Tätigkeiten zu koordinieren. Ich vergesse schlichtweg eine Aussaat und dann ist es zu spät. Der Gründünger ist nicht rechtzeitig vor dem Stecken der Kartoffeln eingearbeitet oder niemand hat mir gesagt, das Johannisbeeren nach der Blüte rieseln, wenn es zu trocken ist. Ein einziges solches Versäumnis (Johannisbeeren wässern) bedeutet eine erneute Wartezeit von einem ganzen Jahr, das sind 12 Monate oder 365 lange Tage. Wenn die Ernte versaut ist, muß eben bis zur nächsten Ernte gewartet werden. Man kann nicht wie beim Basteln am Auto etwa, eine verursachte Delle reparieren und neu lackieren, sich über die Mehrarbeit ärgern und eben ein wenig später das fertige Projekt bewundern. Im Garten hilft kein Jammern, da kann niemand etwas machen, man muß einfach ein ganzes Jahr warten, bis man wieder  einmal kurz die Chance hat, etwas richtig zu machen. Oder eben wieder durch einen einzigen Fehler, eine Unachtsamkeit ein erneutes Jahr verlieren.

Und es gibt so viele Fallen und Fehlerquellen, die es zu umgehen gilt. Oft schwirrt mir der Kopf und ich habe Angst doch diese Fehler zu machen.

Und dann kommt die Realität. Über die winzige Johannisbeerernte bin ich hinweg. Schon ist es August. Es wird saumäßig kalt und nass. Die Tomaten haben innerhalb von 3 Tagen die Fäule und sind zu entsorgen. Die Kartoffeln sind auch befallen. Ich verstehe es nicht. Beides sind tolerante Sorten und es war so trocken dieses Jahr. Letztes Jahr hat es dauernd geregnet und die Kartoffeln hatten nichts. Die Arbeit war umsonst. Nicht ich habe die Ernte vermasselt, sondern das Wetter hat einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Es ist September. Das Blaukraut sollte längst verbraucht sein, ist aber noch immer winzig, das Weißkraut ist zerfressen. Die Möhren sind murmelgroß. Der Lauch von der Lauchfliege zerstört.

Waren es meine Fehler? Die falsche  Sorte Rotkohl (jetzt habe ich gehört, daß diese Sorte nichts für trockene Standorte ist). Den Lauch doch wieder nicht neben die Möhren gesetzt oder ein Netz darüber gespannt? Was habe ich bei den Möhren falsch gemacht, ausser dass sie zu dicht stehen?

Im Frühjahr war noch alles so schön. Es wuchs durch das schöne Wetter alles traumhaft. Riesige Salatköpfe, Kohlrabi en masse, die Kartoffeln hatten Kraut wie aus dem Bilderbuch, der Spinat war köstlich und es blühte und roch traumhaft im Garten. Durch meine Erfahrungen im letzten Jahr und die Schlußfolgerungen hatte ich schön blühende Stauden und Blumenzwiebeln überall im Garten.

Schneckenresistent und Trockenheitstolerant waren die neuen Stauden. Aber ich achtetet nicht auf den Blühzeitraum und hatte nur Blüten im Frühjahr/Frühsommer. Jetzt war plötzlich Schluß mit Blüten.

Auf einmal war Schluß, auch im Gemüsegarten. Der Salat faulte im Beet, das Kraut durchlöchert von Erdflöhen und totgesaugt von der weißen Fliege, der Frühkohl wurde einfach nicht größper , neu gesähter  Salat wuchs nicht und ich konnte keinen mehr Pflanzen. Gleiches gilt für anderes Gemüse.

Ich sähte einfach noch einmal nach und noch einmal. Aber nichts gelang mehr. Plötzlich war es September und ich musste mir eingestehen, daß es nun an der Zeit war, die Hoffnung aufzugeben. Es ist zu spät im Jahr, jetzt wächst das nicht mehr.

Aber immer diesen Moment zu erkennen, der ein Ende markiert ist schwierig. Und manchmal kommt es, daß man nicht aufgibt, weiter säht und dann so etwas schönes bekommt. Meine einzige Sonneblume, weil ich nicht aufhörte zu sähen und zu hoffen dass wenigstens eine einmal etwas wird. Es war glaube ich schon August, da ich sie aus der Topfplatte ins Freie pflanzte.

Sonnenblume (c) by Joachim Wenk
Sonnenblume


Im Leben außerhalb des Gartens bin ich bekanntermaßen ein Pessimist. Mein Glas ist immer halb leer. Ich weiß nicht warum ich im Garten ein so hoffnungsloser Optimist bin, wo ich diese Hoffnung hernehme, dass noch etwas wird.

Im Gewächshaus die überlebenden Tomaten lies ich wachsen, weil sie alle noch tragen werden. Ich dachte garnicht an ein Ende, das Ende des Sommers oder dass das Wachsen aufhören wird. In meinem Kopf war nur positives und aufstrebendes. Kein Gedanke an Stagnation oder Abgau. Aber ich musste mir dann auf einmal eingestehen, daß die Früchte garnicht mehr reif  können. Ich musste diese innere, unbewußte Hoffnung aufgeben. Daher schnitt ich die Sträucher radikal , daß Licht und Luft an die bereits reifenden Früchte kommen.

Und gerade durch das Beenden der Hoffnung in die Zukunft (die werden noch reif werden) und in der Hinwendung zum Jetzt(ich muß jetzt eingreifen) hatte ich aber erst den Erfolg. Die vorhandenen Tomaten reiften und ich habe sehr viele der wunderbarsten Tomaten ernten können, die noch heute im Keller lagern und gegessen werden.

Es ist ein schwerer Moment, sich einzugestehen, daß etwas  keinen Sinn mehr hat zu hoffen.   Im Büro hängt ein Bild am Regal. Darunter steht, wenn dein Pferd tot ist, steig ab. Dieser Zeitpunkt kommt immer wieder im Leben vor. Im Großen und im Kleinen. Im Büro oder eben hier im Garten.

Zu realisieren "du brauchst nichts mehr sähen, es ist zu spät", zu akzeptieren, daß die Tomaten weggeworfen werden müssen, weil die Fäule nicht stoppt und alle dahin rafft. Dass das Kraut nicht mehr wächst, auch jetzt wo es kühler und feuchter ist nicht mehr.

Ich muß mich einfach wieder dem Jahresverlauf ergeben. Es ist Herbst. Das hektische Treiben im Garten wird ruhiger. Das hat doch auch etwas Positives. Nichts mehr sähen, pikieren, pflanzen, Unkraut jäten, Spritzen, Hacken, Gießen oder Düngen.

Meine Hoffnung, daß "das noch etwas wird" im Garten habe ich das ganze Jahr und zu jeder Jahreszeit muß mich mich zwingen, einzusehen, daß die Zeit vorüber ist. Am schlimmsten ist das eben im Herbst, wo auch die Jahreszeit für ein Ende steht. Das Ende des Jahres. Jedes Jahr habe ich diesen Kampf in mir, die Hoffnung zu beenden, sterben zu lassen und mit dem Träumen aufzuhören. Sich der Realtiät zu stellen. Vom toten Pferd zu steigen, zu handeln und sich neuem zu öffnen.

Gerade im Moment heißt es das Ernten, was von den Schädlingen und Krankheiten übrig ist und eine geeignete Verwertung dafür zu finden. Nur dann war die Arbeit nicht umsonst und das  Hoffen hat sich gelohnt.

Und wie immer kommt diese Einsicht und das Wachwerden für  nötige Aktivitäten recht spät. Das bedeutet im Moment wieder Hektik. Denn wenn ich noch einen Nutzen von meinem Garten haben will muß ich jetzt handeln und so kommt gerade wieder alles auf einmal.

Das ganze Blaukraut habe ich geerntet. Viele kleine Köpfe ergeben auch Masse. Und die Köpfe sind klein aber drall und fest. Die Sellerie müsste verarbeitet werden. Winzige Knollen die nun auch nicht mehr größer werden.
Blaukraut (c) by Joachim Wenk
viele kleine Krautsköpfe

Aber mich hat die Arbeitswut wieder gepackt. Man sieht plötzlich wieder klarer, wenn man die Hoffnung aufgibt und das Warten. Wenn man wieder aktiv wird.

Aus den mickrigen Möhren und kleinen Sellerie sowie dem Lauch, der von den Lauchfliegen übrig ist, habe ich mit ein paar anderen Zutaten herrliche Instant Gemüsesuppe gemacht. Das Blaukraut werde ich hobeln, garen und einfrieren. Die wenigen kleinen Pastinaken sind geerntet und werden mit den roten Rüben eingelagert. Die Paprika werden diese Woche halbreif geerntet und die so gut wie reifen Chillies auch.

Glockenpaprika (c) by Joachim Wenk
Glockenpaprika, reifer wird die dieses Jahr nicht mehr

Wildchillies (c)  by Joachim  Wenk
Wildchillies




Pastinaken (c) by Joachim Wenk
viele kleine Pastinaken


Jetzt wird aufgeräumt. Fast schon macht es mir Spaß die Beete zu leeren. Das Laub von verkümmerten Möhren und Radieschen kommt in den grünen Smoothie der Rest bleibt als Mulch liegen. Überall schneide ich ab und grabe aus. Weg mit dem alten Zeugs. Im Grunde beginnt ja schon das Neue, in dem ich die Beete und den Garten anfange vorzubereiten für das was im Frühjahr kommt.  Ich habe mir gestern beim Gang durch den Garten gedacht, daß es kaum vorstellbar ist, wie im Frühjahr wieder alles sauber ist, das Laub überall verblasen oder verrottet und es neu treibt. Im Moment sieht es chaotisch aus und verwildert. Aber Stück für Stück beende ich das Gartenjahr.

Herbstlaub (c) by Joachim Wenk
Im Frühjahr ist alles Laub
weg und frisches Grün
wird treiben


Mein Dilemma bleibt.  Wann lasse ich die Hoffnung sterben und werde aktiv? Wann grabe ich die herrlich blühenden  Dahlien aus fürs Winterlager oder den noch grünen Meerrettich. Ist es noch zu früh? Sammelt der Kren noch Kraft in der Wurzel und die Dahlie in der Knolle für den Winter? Oder ist es höchste Zeit, weil  es ab dieser Woche kalt wird und feucht und ich dann bei 5°C in der nassen Erde herumbuddeln muß?

Wann räume ich welche Kübelpflanzen rein? Wann kommt Frost? Welche mögen nichtmal niedrige Temperaturen über Null grad? Jetzt wäre das Wetter noch schön um sie herumzuhiefen. Wenn es dann wieder naß und kalt ist, ist es eine lästige Arbeit. Aber jetzt schon ins enge und dunkle Winterquartier? So lange es geht möchte ich sie draußen lassen. So kämpfe ich mit mir und räume einfach immer wieder ein paar rein. Somit bin ich beruhigt und habe dann nicht die ganze Arbeit auf einmal.

erste Kübelpflanzen im Winterquartier (c) by Joachim Wenk
erste Kübelpflanzen im Winterquartier

übrige Kübelpflanzen genießen Herbstsonne (c) by Joachim Wenk
diese bleiben noch draußen



Ob diese Zweifel über den richtigen Zeitpunkt mit den Jahren der Erfahrung abnehmen? Oder wird man nur gelassener?

Ich bin gespannt und werde meine Aufräumwut nicht bremsen und am noch diese Woche die letzten Sachen ausgraben. Es ist Ende Oktober, da gibt es einfach keine Hoffnung mehr.

Oder doch? Habe ich nicht gerade von Vorbereitungen auf das Frühjahr 2015 gesprochen?

Sie ist einfach nicht totzubekommen diese Hoffnung im Gärtnerherz!

Purpurwitwenblume (c) by Joachim Wenk
Hier wird geblüht bis zum
bitteren Ende



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen