Donnerstag, 3. Juli 2014

Vogelfutter und Entenschuhe

Ich weiß es noch immer. Das vergisst man nicht. Als Kind wurde ich in der Schule immer gehänselt wegen der total unmodischen Entenschuhe. Wer kannte schon "Birkenstock"? Nur die Bios und Ökos und eben Außenseiter.

Am Wandertag hatten mein Bruder und ich Rosinen und Nüsse mit zum Knabbern. Wir mochten es, aber die anderen Kinder verlachten mich wegen des Vogelfutters, das ich esse.

Das alles mag etwa 30 Jahre zurück liegen.

Und wie sieht es heute aus? Birkenstock kennt glaube ich noch immer nicht jeder. Aber die Form und das Schuhbett hat sich durchgesetzt. Jeder Discounter bietet Billigversionen davon an. Verlacht wird deshalb niemand mehr.

Rosinen und Nüsse. Gäbe es einen veganeren (gibt es das Wort?) Snack? Und alles was vegan ist, ist absolut angesagt heutzutage. Und schon wieder muß ich die Discounter bemühen. Ihr merkt schon, ich gehe also doch auch dort einkaufen. Verschiedene exotische und heimische Versionen dieses Vogelfutters liegen ganz normal in den Regalen. Die sind dann allerdings derart überzuckert, daß von einem gesunden Snack bei weitem nicht die Rede sein kann.

Es ist also anders heute. Besser? Vegane Snacks sind alltäglich und körpergerechtes Schuhwerk allgegenwärtig. Oder? Nein! es ist nicht immer besser, aber auf alle Fälle anders.

Eine Entwicklung finde ich aber interessant. Eine Entwicklung in den Werten, als Reaktion auf die Leere im ansonsten luxuriösen Leben. Ich bin wirklich gespannt, ob wir auf der Welle noch eine Weile schwimmen und ob da mehr daraus wird. Oder ob die Welle abflaut und alles wieder verschwindet.

Wenn ihr das hier lest, sitzt ihr vor dem PC oder haltet euer Smartphone vor das Gesicht. Internet ist überall wo ich gehe und stehe verfügbar. Ich bin jede Sekunde mit der ganzen Welt in Verbindung. Wir sehen grausame Umweltkatastrophen auf der andere Seite des Globus oder nur ein paar hundert Kilometer von uns entfernt. Hochwasser, Hurrikan, Tsunamis, Erdbeben oder Feuersbrünste. Man sieht  Dokumentationen von Umweltverschmutzung, Artensterben und, wie wir uns selbst und unsere Lebensgrundlage kaputt machen. Man tauscht sich darüber aus  mit Menschen auf anderen Kontinenten. Und das während man am Frühstückstisch sitzt, im Büro, beim Latte im Straßencafé oder beim Einkauf im Discounter.

Wenn im Sommer die Temperaturen einmal nur knapp über 20°C sind hört man überall in den Medien die Klagen über das schlechte Wetter. Wenn es fast 30°C hat und wochenlang nicht regnet, ist das Wetter super. Wenn im Mai Regen fällt ist es diskussionswürdig und man jodelt "wann wird's mal wieder richtig Sommer". Frühlingstemperaturen unter 20°C sind eben viel zu kalt.

Warum das alles? Weil man heute eben nur lebt und aufblüht, wenn man beim Latte abhängen kann oder Nachts vor der Disco (nein, so hieß das vor 30  Jahren!) chillen kann, dann wird bis den nächsten Tag früher  Nachmittag geschlafen. Das Wochenende ist ja so langweilig. Keine Reize außer Alkohol, laute Musik oder lautes Schreien und Grölen.  Montag wieder "uf Schicht" (nein, so hieß es mal, wie sagt man heute? Ins Büro, ins Geschäft, zur Arbeit? ). Ätzender  Job, Floskeln mit "Kollegen" so hießen sie jedenfalls früher. Sind es jetzt eher mobbende Feinde? Neonlicht in Tageslichtqualität, Klimaanlage und Fenster mit Jalousien oder Innenbüros ohne Fenster. Alle Sinneseindrücke auf ein Optimum (?) normiert. Verkäuferinnen unter Dauerbeschallung und mit  hochnäsigen KundInnen. Schnelle Informatiosnaufnahme und Verarbeitung am Telefon, im Intranet und Internet, Meetings und Arbeitsgruppen.

Ich könnte noch vieles aufzählen.  Sehr viel davon habe ich selbst auch schon erlebt und mitgemacht. Ich weiß, wie ich mich dabei gefühlt habe. Und jetzt bin ich wieder beim Thema mit der  Welle. Alles das hat sich rasch und drastisch in den letzten vielleicht 20 Jahren eingeführt und gesteigert. Wir sind uns fremd geworden, das Leben ist uns fremd geworden. Die Mitmenschen sind uns - nicht fremd- aber entfremdet worden. Ja es soll diese Kinder geben, die nicht wissen, woher die Milch wirklich kommt oder dass ein Tier sterben muß, wenn das Kind auf sein Fleisch besteht. Hach ja die lieben Kinderlein. Und wir? Nehmen wir das Beispiel mit dem Wetter. Wir sind Kontrollfreaks geworden mit einem Allmachtsanspruch auf immer optimale Bedingungen. Für wen optimal? Wenn es wärmer wird, Klimaanlage an. Von unterwegs per iPHone gesteuert. Das geht beim Wetter nicht. Hier haben wir keine Macht. Hier müssen wir hinnehmen und vielleicht abwarten. Das ist uns aber schon so fremd, daß es in der  Bildzeitung diskutiert wird, wenn es nur knapp über 20 Grad hat und das in den Ferien oder der Urlaubszeit. Fürchterlich, eine Katastrophe. Und wir alle leiden, sind Opfer und zu bemitleiden. So fremd ist uns das Leben geworden. Gottseidank wissen wir ja garnicht was "Opfer-sein" bedeutet.  Diese Welle möchte ich eigentlich eher abflauen sehen. Ich sprach aber davon, dass sich vielleicht etwas entwickelt und ausgebaut werden sollte.

Ja es gibt gottseidank auch andere Tendenzen als Reaktion auf diese Entfremdung. Nach einer für  einzelne Individuen unterschiedlich langen Zeitspanne in dieser eher virtuellen als realen Welt merkt der Eine oder Andere, daß etwas fehlt. Man spürt das Leben nicht mehr. Man erinnert sich, daß es mehr gibt, als alles am PC zu machen. Musik, Malen oder unterhalten. Man kann am PC nicht kochen oder die Verbundenheit fühlen, wenn einem reale Menschen in gemütlicher Runde gegenüber sitzen. Man kann am PC etwas erstellen und löschen und doch ist es noch da. Man kann es jederzeit aus dem Papierkorb holen oder das Löschen rückgängig machen. Schön und, ja unlebendig.

Viele Menschen verspüren darum wieder eine Lust auf Leben, auf Sinne und Wahrnehmung. Einfach auf die Bereiche auch links und rechts vom Optimum. Auf die Befriedigung,  real etwas geschaffen zu haben und wenn dem auch mißglückte Versuche vorangingen. Das geht auf vielerlei Wegen. Die Beschäftigung mit der Natur und einem Garten sowie dem eigenen Essen und Kochen ist ein Weg. Ein gern genommener Weg. Ich habe gelesen, daß um 2000 im Jahr 10 Milliarden Euro für Gartenprodukte ausgegeben wurden. Letztes Jahr waren es bereits 16 Milliarden Euro. Man  investiert wieder etwas in den Garten. Man will das Leben spüren. Wer sich darauf einlässt wird gewinnen. Gewinnen an Lebens-Erfahrung.

Wärme und Kälte die kommt, ohne dass wir es beeinflussen können. Ein geliebte Pflanze, die wegen unserer Unachtsamkeit verdorrt  und tot ist, kann nicht mehr aus dem "Papierkorb" geholte werden. "Verdorren rückgängig machen" geht vielleicht auf einer Facebook-Farm aber nicht im Schrebergarten. Und schon so eine kleine Erfahrung rüttelt manch einen wach. Wenn es nicht regnet, habe ich viel Arbeit umsonst gemacht und kaum Ernte. Da wird der Blick auf Jahreszeiten und das zugehörige Wetter gleich ein anderer. Und ich spüre den Wind, den Regen, die Hitze und Kälte. Ich rieche und höre das Leben um mich herum. Mal laut, mal leise, mal stinkend mal duftend. Nichts ist normiert  und immer gleich wie die thermostatgeregelte Raumtemperatur, die wummernde Musik im Geschäft in dem man Arbeitet. Immer die selbe Musik, die selbe Lautstärke, der selbe Rhythmus. Eigentlich geeignet, einen Spion zu foltern.

Nein im Garten wechselt alles und genau das bringt Wahrnehmung.  Wenn ein Reiz immer gleich vorhanden ist, nehmen unsere Sinneszellen ihn nicht mehr war. So sind wir eben konstruiert. Und genau diese Wahrnehmung von Leben fehlt immer mehr Menschen und fördert  Trends wie Kochsendungen, Gartensendungen, Garten- und Landmagazinen, angleitete Selbstfindungsseminare in der Natur.

Vieles in dieser  Richtung drängt auf den Markt, ist zeitgemäß. Wird es bleiben und ist es echt? Kochshows haben hohe Einschaltquoten, aber wenn ich sehe, wie  im richtigen Leben gekocht wird,  was gekocht wird und was meine Mitmenschen können in der Küche oder wieviel Wert dem Kochen von Speisen und den Lebensmitteln zugemessen wird , spricht diese  Erfahrung von etwas anderem.

frühsommerliche Ernte (c) by Joachim Wenk
Frühsommerliche Ernte
Ich jedenfalls bin zumindest was die öffentliche Wertvorstellung betrifft doch eigentlich voll im Trend. Heute, trotz Vogelfutter und Entenschuhen. Ich spüre das Leben täglich im eigene Garten.

Ich mache die sinnlichsten Erfahrungen. Ich lebe und erlebe jetzt im Sommer etwas, das virtuell auch nicht möglich ist. Ich ernte die Früchte meiner Hände Arbeit.

Müsste ich für diese Erfahrung einen  Coach mit seinen Seminaren bezahlen, wären es sicher für mich unbezahlbare  Geldbeträge. Aber mein Coach ist das Leben. Vollkommen kostenlos. Man muß sich nur darauf einlassen.





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