Mittwoch, 23. Juli 2014

Eigene Erfahrungen versus weitergegebenes Wissen

Vor einiger Zeit las ich in einem Artikel zu dem Thema "Selbstversorger" etwas, mit dem ich mich seither gedanklich befasse.

Früher haben die Kinder von den Eltern das Wissen und die Techniken übermittelt und Fertigkeiten von ihnen gelehrt bekommen. Heute müssen wir uns das alles selbst aneignen.

Was bedeutet das für mich? Früher hätte ich also von den Eltern lernen können, wie man am besten die Kartoffeln anbaut. Wann werden sie gesteckt? Man kann sie vortreiben, daß sie rascher anwachsen. Legt man sie in die Hügel oder ebenerdig und häufelt dann an? Welche Sorten sind gut?  Gut für die regionale Küche und gut im örtlichen Klima? Ab wann kann ich sie ernten? Muß das Laub immer abgestorben sein? Ich hätte auch von den Eltern gelernt, was ich dann mit den Kartoffeln mache. Was gibt es alles für Gerichte daraus? Herzhafte und süße, rasche und aufwändige. Welche Kartoffel eignet sich für welches Gericht am besten?  Wie kann ich übrige Kartoffeln weiter verwenden, damit ich sie nicht wegwerfen muß?

Du meine Güte das sind eine Menge Dinge, die mir so ganz spontan allein zur Kartoffel einfallen. Dazu kommen noch die Tomaten, der Kohl (Weißkohl, Rotkohl, Wirsing, Grünkohl, Kohlrabi, Rosenkohl), Wurzelgemüse wie Möhren oder Rote Beete, die ganzen Beeren und das Obst. Es hört einfach nicht auf. So viel Wissen, das man sich aneignen muß - als Selbstversorger.

Da wäre es freilich hilfreich, dieses Wissen quasi en passant von den Eltern durch Mithelfen und selbst Übernehmen zu erlangen. Die Zeiten allerdings haben sich geändert und in dem idealen Umfang wie es wohl - viel - früher einmal war und zum Überleben auch sein musste, können wir das heute nicht mehr leisten. Wir, also die Kinder haben auch noch viel zu lernen, was es früher erst garnicht gab. Und unser Beruf ermöglicht  uns ein Überleben auch ohne dieses umfassende Wissen. Schließlich gibt es Spezialisten die den Beruf "Kartoffel-anbauen" (Landwirte) haben und andere, die den Beruf "Kartoffeln verarbeiten" (Pommeshersteller) ausüben.

Ich habe ja auch einen Beruf, bin ein Spezialist. Als Altenpfleger kam ich allerdings auch im Beruf schon immer mit vielen unterschiedlichen Themen in Berührung. Es gibt weit spezialisiertere Berufe und wohl immer mehr davon.

Ist das Spezialistentum ein Grund für die zunehmende Sehnsucht vieler Menschen wieder ein wenig Freizeit-Selbstversorger zu sein? Wieder etwas vom Leben und der Vielfalt mit zu bekommen?

Vielleicht, oder ziemlich sicher sogar. Und für all diejenigen heißt es, wie für mich auch lernen und immerzu lernen und Erfahrungen machen. Das  heißt Scheitern und Erfolge feiern.

Ich bin in der glücklichen Lage doch einiges von meinen Eltern (auch zum Kartoffelanbau oder der Kartoffel in der Küche) erfahren zu haben. Ich war schon immer neugierig auf alles was mit dem richtigen Leben zu tun hat und etwas praktisches ist.

Genau daher wäre und war ich aber kein guter "Schüler" für diese wissensvermittelnden Eltern . Immer alles hinterfragen, eigene Gedanken darüber machen. Etwas vereinfachen oder anders machen. Probieren. Das kann so manchen Lehrer auf die Palme bringen. Mich aber hat es mit Sicherheit weiter gebracht.

Der Satz "das machen wir so, weil es schon immer so gemacht wurde" war für mich nie geltend. Und wurde er ausgesprochen, so spornte er mich erst recht an.  Alternativen zu finden um zu zeigen ,dass es anders auch und manchmal sogar besser geht.

Wer heute Freizeit-Selbstversorger wird, muß auch immer wieder nach Wissen suchen, wozu das Internet und wahnsinnig tolle Fachliteratur sich hervorragend eignen. Und er muß ausprobieren, was für ihn passend ist. Wer sich darauf einlässt bereichert sein Leben in kaum geahnter Weise.

Wir haben heute wirklich die besten Möglichkeiten, sogar ohne das Haus zu verlassen, uns in alle möglichen Themen einzuarbeiten. Diese Möglichkeiten gab es früher nicht. So ist zwar die Vorstellung, das nötige Wissen von den Eltern einfach mitgeteilt  zu bekommen verlockend aber doch eher romantisch verklärt. Zugegeben, einfach ist es, etwas zu bekommen, als es sich selbst u suchen.

Das so mitgeteilte Wissen ist nach heutigem Maßstab und meinem Empfinden  eher gering vom Umfang. Viele Möglichkeiten und Alternativen blieben uns verschlossen. Nein ich lebe doch lieber heute, schaue selbst, was mich interessiert und was meiner Art entspricht. Ich höre gern den Erfahrungen anderer zu, sehe was ich davon nutzen kann. Sie sind ja nicht immer schlecht oder falsch. Doch ganz im Gegenteil.

Dennoch führen immer viele Wege nach Rom. Und die will ich ebenfalls kennen lernen. Ich nutze die Möglichkeiten auch exotischere Varianten der Zubereitung oder der Pflanzenauswahl zur Verfügung zu haben. Das bereichert meinen Alltag und es macht mir Freude etwas Neues, was mir gefällt, gefunden zu haben und in mein Leben zu integrieren.  "Das war schon immer so" und "was der Bauer nicht kennt frisst er nicht" sind antiquiert und passen nicht mehr in unsere Zeit.

Und es macht stolz selbst Produziertes zu haben. Genauso stolz macht es, wenn das Wissen dazu auch selbst angeeignet ist.
Kartoffelernte Belle de Fontenay (c) by  Joachim Wenk
Kartoffel Belle de Fontenay

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